... ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden ...

Rainer Maria Rilke um 1900

... und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, ... Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben.
... es handelt sich darum, alles zu leben.

Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.   ...

Darum ... lieben Sie Ihre Einsamkeit, und tragen Sie den Schmerz, den sie Ihnen verursacht, mit schön klingender Klage.

Denn die Ihnen nahe sind, sind fern, sagen Sie, und das zeigt, daß es anfängt, weit um Sie zu werden. Und wenn Ihre Nähe fern ist, dann ist Ihre Weite schon unter den Sternen und sehr groß;

freuen Sie sich Ihres Wachstums, in das Sie ja niemanden mitnehmen können, und seien Sie gut gegen die, welche zurückbleiben, und seien Sie sicher und ruhig vor ihnen und quälen Sie sie nicht mit Ihren Zweifeln und erschrecken Sie sie nicht mit Ihrer Zuversicht oder Freude, die sie nicht begreifen könnten.

(Rainer Maria Rilke 1875 - 1926
aus einem Brief an Franz Xaver Kappus)

 
 

 

 

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Nur Atem

Nicht Christ oder Jude oder Muslim,
nicht Hindu, Buddhist, Sufi oder Zen.
Überhaupt keine Religion
oder kulturelles System.

Ich bin nicht aus dem Osten oder dem Westen,
nicht aus dem Ozean oder aus dem Boden,
nicht natürlich, nicht ätherisch,
überhaupt nicht aus Elementen zusammengesetzt.

Ich existiere nicht,
bin kein Wesen dieser Welt oder der nächsten,
stamme nicht von Adam und Eva ab
oder irgendeiner Entstehungsgeschichte.

Mein Ort ist das Ortlose,
eine Spur des Spurlosen.
Weder Körper noch Seele.

Ich gehöre dem Geliebten,
habe die zwei Welten als eine gesehen
und diese eine ruft und kennt
zuerst, zuletzt, äußerlich und innerlich
nur dieses Atem atmende
menschliche Wesen.

Jelal ad-Din Rumi (Persischer Poet und Mystiker, 1207-1273))
Übersetzung aus: "Essential Rumi" von Coleman Barks, 1995

 

Auf Rumi geht auch der meditative, manchmal ekstatische Drehtanz der Derwische zurück ...
externHIER das Gedicht als Performance mit Sufi-Musik und Drehtanz
externHIER nochmal Drehtanz und Musik etwas westlicher
externHIER Drehtanz ganz westlich-kommerziell, alles andere als selbstvergessen, aber schön anzusehen ...

 Englisches Original ...

Only Breath

Not Christian or Jew or Muslim,
not Hindu, Buddhist, Sufi, or Zen.
Not any religion
or cultural system.

I am not from the east or the west,
not out of the ocean or up from the ground,
not natural or ethereal,
not composed of elements at all.

I do not exist,
am not an entity in this world or the next,
did not descend from Adam and Eve
or any origin story.

My place is the placeless,
a trace of the traceless.
Neither body or soul.

I belong to the beloved,
have seen the two worlds as one
and that one call to and know,
first, last, outer, inner,
only that breath breathing
human being.

Jelal ad-Din Rumi (Persischer Poet und Mystiker, 1207-1273)
from: "Essential Rumi" of Coleman Barks, 1995

externHERE the poem as performance with  Sufi-Music and whirling