... ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden ...

Rainer Maria Rilke um 1900

... und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, ... Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben.
... es handelt sich darum, alles zu leben.

Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.   ...

Darum ... lieben Sie Ihre Einsamkeit, und tragen Sie den Schmerz, den sie Ihnen verursacht, mit schön klingender Klage.

Denn die Ihnen nahe sind, sind fern, sagen Sie, und das zeigt, daß es anfängt, weit um Sie zu werden. Und wenn Ihre Nähe fern ist, dann ist Ihre Weite schon unter den Sternen und sehr groß;

freuen Sie sich Ihres Wachstums, in das Sie ja niemanden mitnehmen können, und seien Sie gut gegen die, welche zurückbleiben, und seien Sie sicher und ruhig vor ihnen und quälen Sie sie nicht mit Ihren Zweifeln und erschrecken Sie sie nicht mit Ihrer Zuversicht oder Freude, die sie nicht begreifen könnten.

(Rainer Maria Rilke 1875 – 1926
aus einem Brief an Franz Xaver Kappus)

 
 

 

 

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Der Rat des Vogels

Ein gewisser Mann hatte einen Vogel in der Falle. Der Vogel sagt: „Herr, Ihr habt viele Kühe und Schafe in Eurem Leben verspeist und seid doch immer noch hungrig? Das bisschen Fleisch auf meinen Knochen wird Euch auch nicht satt machen. Wenn Ihr mich gehen lasst, werde ich Euch drei Weisheiten geben: eine, während ich auf Eurer Hand stehe, eine vom Dach aus, und eine werde ich vom Ast jenes Baumes sagen.

Der Mann war neugierig. Er befreite den Vogel und ließ ihn auf seiner Hand stehen.

„Nummer eins: Glaubt keinen Unsinn, egal, wer ihn sagt.“ Der Vogel flog und landete auf dem Dach des Mannes.

„Nummer zwei: Trauert nicht dem nach, was vergangen ist. Es ist vorbei. Bedauert nie, was passiert ist.“
„Übrigens“, fuhr der Vogel fort, „in meinem Körper ist eine riesige Perle, die mehr wiegt als 10 Kupferstücke. Sieh, was dazu bestimmt ist, Euch und Euren Kindern zu gehören, aber nun habt Ihr sie verloren. Ihr hättet die größte Perle der Welt besitzen können, aber das sollte offensichtlich nicht sein.“

Der Mann begann zu jammern, wie eine gebärende Frau. Der Vogel rief: „Habe ich nicht gerade gesagt: Betrauert nicht, was vergangen ist? Und auch, glaubt keinen Unsinn? Mein ganzer Körper wiegt nicht so viel wie 10 Kupferstücke. Wie könnte ich eine so schwere Perle in mir tragen?“

Der Mann kam wieder zu Sinnen. „Also gut, sagt mir Nummer drei.“
„Klar! Ihr habt die ersten beiden ja so gut umgesetzt!“

„Gebt niemandem einen Rat, der angeschlagen und eingeschlafen ist. Werft keine Saat in den Sand. Manche Risse können nicht geflickt werden.“