... ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden ...

Rainer Maria Rilke um 1900

... und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, ... Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben.
... es handelt sich darum, alles zu leben.

Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.   ...

Darum ... lieben Sie Ihre Einsamkeit, und tragen Sie den Schmerz, den sie Ihnen verursacht, mit schön klingender Klage.

Denn die Ihnen nahe sind, sind fern, sagen Sie, und das zeigt, daß es anfängt, weit um Sie zu werden. Und wenn Ihre Nähe fern ist, dann ist Ihre Weite schon unter den Sternen und sehr groß;

freuen Sie sich Ihres Wachstums, in das Sie ja niemanden mitnehmen können, und seien Sie gut gegen die, welche zurückbleiben, und seien Sie sicher und ruhig vor ihnen und quälen Sie sie nicht mit Ihren Zweifeln und erschrecken Sie sie nicht mit Ihrer Zuversicht oder Freude, die sie nicht begreifen könnten.

(Rainer Maria Rilke 1875 – 1926
aus einem Brief an Franz Xaver Kappus)

 
 

 

 

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Die Anhänglichkeit, die Gnade genannt wird

Ein gelehrter und hingebungsvoller Wahrheitssucher kam in der Tekke des Bahauddin Naqshband an. Den Gepflogenheiten gemäß nahm er an den Belehrungen teil und stellte keine Fragen. Als Bahaudin schließlich sagte: „Erbitte etwas von mir“, antwortete dieser Mann: „Shah, bevor ich zu Euch kam, habe ich diese-und-jene
Philosophie bei diesem-und-jenem studiert. Angezogen durch Euren Ruf bin ich zu Eurer Teke gereist.

Als ich Eure Ansprachen hörte, wurde ich sehr von dem beeindruckt, was Ihr sagt, und ich würde gern meine Studien bei Euch fortsetzen. Ich bin aber so dankbar und verbunden mit meinen vorherigen Studien und Lehrern, dass ich Euch bitten möchte, mir entweder ihre Verbindung mit Eurem Werk zu erklären oder sie mich vergessen zu machen, damit ich ohne gespaltenes Denken fortfahren kann.“

Bahaudin sagte: „Ich kann nichts dergleichen tun. Was ich aber tun kann, ist, Sie darüber zu informieren, dass eines der sichersten Zeichen der menschlichen Eitelkeit die Anhänglichkeit an eine Person oder ein Glaubensbekenntnis ist und zu glauben, dass diese Verbundenheit aus einer höheren Quelle kommt. Wenn ein Mensch süchtig nach Zuckerwerk wird, würde er es göttlich nennen, wenn man es ihm erlauben würde.“

Mit dieser Information können Sie weise werden. Ohne sie können Sie nur Anhänglichkeit lernen und sie Gnade nennen. Der Mensch, der malumat (Information/Wissen) braucht, nimmt immer an, dass er maarifat (Weisheit) bräuchte. Selbst wenn er wirklich ein wissender Mensch ist, wird er erkennen, dass das nächste, was er braucht, Weisheit ist. Erst wenn er ein Mensch der Weisheit ist, wird er frei von der Notwendigkeit des Wissens sein.