... ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden ...

 

DescartesNichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie der Verstand.

Denn jedermann ist überzeugt, dass er genug davon habe.

Descartes (fr. Mathematiker und Philosoph, 1596 - 1650)

 
 

 

 

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FluegelBuch Heilbronn  

Blick in das Buch

Auf den Flügeln der Ewigkeit

Tagebuch eines Sufi-Retreats der Hingabe

 


Amaite Verlag Heilbronn

Über die Autorin:

Amaité geht seit über 20 Jahren den Sufiweg „dem Einen entgegen“. Ihre Reise wurde von Anfgang an durch Meditation und viele persönliche Schweigeretreats beflügelt.
Seit 15 Jahren begleitet sie als ausgebildete Retreat-Guide jedes Jahr selbst solche Tage und Wochen des Rückzugs von der Welt, in denen sich die Seele ihrem Ursprung und Ziel zuwendet. Ihre Leidenschaft ist es, Menschen Raum zu geben, um zu sich selbst zu kommen und die Schätze im Innern zu heben.
Geprägt durch die meist recht männlich-zielgerichteten Aufgabenstellungen und Erklärungen des spirituellen Weges, lernte sie „gegen den Wind zu kreuzen“ bis sie ihren eigenen, weiblichen Weg der Hingabe entdeckte, der in dem hier beschriebenen Retreat seinen Ausdruck findet. 

 

Vorwort:

Ein „alchemisches“ Retreat folgt, wie die Alchemie selbst, den natürlichen Veränderungen der Lebensrhythmen. Dieses „solve et coagule“–Prinzip ist die Art, wie ich Retreat-Guidance in meiner Sufigemeinschaft gelernt habe. Jedes Retreat folgt somit ähnlichen Abläufen wie in der Natur – und entsprechend der momentanen Situation und spirituellen Reife derer, die sich zurückziehen entsprechend anders.

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Ein Retreat kann ein Atemholen im hektischen Alltag sein. Es kann aber auch zu einer lebensverändernden Erfahrung werden, die Klarheit in Bereiche bringt, die wir uns gewöhnlich nicht anzuschauen trauen – und die dann womöglich auch unser äußeres Leben auf den Kopf stellen. Ein Retreat muss jedoch nicht zwingend dramatische Momente haben oder gar zu dramatischen Kurskorrekturen führen. Manchmal lernen wir auch einfach nur, besser mit uns umzugehen, leichter in diese erholsame Stille im Innern zu tauchen, zu meditieren. Das heißt, wir üben, auf unsere „innere Stimme“, auf unsere Intuition zu hören. Wir gewöhnen uns an das Sterben für die Welt unserer Konzepte und wissen, dass es immer eine Neugeburt gibt, mit neuen Konzepten, neuen Sichtweisen, einem neuen Lebensgefühl. Ich habe all das erlebt und sehnte mich jedes Jahr neu nach diesem „Urlaub“ vom plappernden Verstand, der jedes Mal anders ist und immer Überraschungen birgt.

Einführung

Seit 2004 wurde ich über viele Jahre von meinem persönlichen spirituellen Guide Munir Voß weise begleitet. Bei ihm machte ich fast alle meine Retreats − diese Zeiten, die nur, wie er es ausdrückte, „dir und deinem Gott gewidmet sind“. Bei ihm lernte ich zu meditieren, und er lehrte mich auch, die „Sprache meiner Seele“ immer besser zu erkennen und zu ergründen − mithilfe der „Schönen Namen Gottes“ oder der Wazaif (Aufgaben), wie sie in dieser Sufi-Tradition genannt werden. Diese mantrischen Worte berühren mein Herz so tief wie gute Musik und bereichern es mit immer neuen Perspektiven.

Gleichzeitig traf ich auf etwas, das sich Raphael-Heilarbeit nennt – sie wurde für mich zur tiefgreifendsten Heilarbeit, die ich je erleben durfte. Sie folgt der alten Sufi-Lehre des muhassaba, also der klaren Selbsterforschung in liebevoller, nicht wertender und mitfühlender Präsenz.

Die liebevolle Annahme dessen, was ist, und die Reise in die Transzendenz „Dem Einen entgegen“ sind und waren die beiden Wege, die mich gleichzeitig erreichten, sich gegenseitig befruchteten und nun allmählich dazu führen, bewusst ein spirituelles Wesen zu werden, das eine menschliche Reise macht − und nicht umgekehrt.

Seit meiner Einweihung fühle ich deutlich: „Wenn du einen Schritt auf Gott zugehst, eilt Er zehn Schritte auf dich zu.“ (Hadith) Ich fühle mich seither so unendlich geliebt, wie ich es nie zu träumen gewagt hätte. Dort, wo ich unbedingt hinwill, da ist „Jemand“, der will mindestens genauso dringend, dass ich komme.

 

Tag 1

Lass dich mitnehmen auf meine ganz persönliche Reise durch die Erfahrungen, Gedanken, Empfindungen und Zustände während der 40 Tage, in denen ich mich von der Welt und zunehmend auch von dem Erleben durch die äußeren Sinne zurückzog. Was für eine Freude, so frei zu sein, dem inneren Lauschen und Schauen, Fühlen und Tasten immer mehr Raum zu geben und mich in die Quelle meines und allen Seins hinein zu entspannen!

Auf dieses Retreat wurde ich auf allen Ebenen in meinem Alltag bereits seit der Adventszeit innerlich vorbereitet. Es zog mich immer wieder von allein in meditative Zustände. Vorhaben und Beschäftigungen, die meine Aufmerksamkeit im Äußeren halten würden, kamen nicht zustande. So ersparte mir der Bahnstreik in Deutschland eine Reise nach Paris. Das Training für Meditationsanleitende und spirituell Begleitende konnte ich auf diese Weise entspannt von zu Hause aus über Videotelefonie verfolgen. Thema des Wochenendes war just der Zustand des Entwerdens – also ein Zustand, den wir in einem langen Retreat anstreben. Ein weiterer Zu-Fall wollte, dass die Kapitel in einem von mir zu übersetzenden Buch von Retreat und der spirituellen Reise handelten, die in solchen besonderen Zeiten im Fokus des Bewusstseins ist.

Jetzt, Mitte Februar, richtet sich mein Interesse noch stärker auf die Innenwelt. Es fühlt sich an wie ein sanftes Hineingleiten. Das äußere Leben habe ich gemächlich und klar in den letzten Tagen aufgeräumt und bin schließlich an diesem Morgen aus unserem Haus 20 Meter weiter in die Retreathütte am Waldrand gezogen. Also weder äußerlich noch innerlich ein großer Schritt. Ich beginne mit Null-Fasten. Will heißen, auch dieses Körperwesen wird besondere Aufmerksamkeit bekommen, entschlackt werden, gedehnt und massiert.

Gegenüber den eher asketischen Ansätzen für alchemische Retreats ist das bereits ein gewagter Ansatz. Ob sich ein Bayazid Bistami für Wochen und Monate kopfüber in einen Brunnen hängen lässt, ein heiliger Simon sein halbes Leben auf einer Säule stehend verbringt oder − etwas gemäßigter − sich meine Zeitgenossinnen und Zeitgenossen fastend und schweigend in Höhlen zurückziehen oder in anderen spartanischen Umgebungen Verzicht üben − für die traditionelle Sichtweise scheint es ein Grundprinzip zu sein, dem Körper und seinen Bedürfnissen während dieser Zeit möglichst wenig Aufmerksamkeit zu schenken.

Also beginne ich, indem ich meine neue Behausung wahrnehme: Äußerlich lebe ich auf etwa acht Quadratmetern in dem gut isolierten und mit Elektro-Ofen beheizbaren Wagen. Ich habe ein gutes Bett, ein Nachtkästchen und einen kleinen Eckschrank für meine Kleider. Meinen Stuhl stelle ich mir vor ein winziges Tischchen neben eines der beiden Fenster, denn auf dem Boden kann ich gesundheitsbedingt schon lange nicht mehr sitzen. Dort werde ich den Laptop platzieren, auf dem ich mein Tagebuch schreibe, meine Musikauswahl abspiele und mich mit meinem Guide über Videotelefonie treffe. Die Herausforderung ist, nicht in meine Mails oder anderen „Briefkästen“ zu schauen. Dies würde bedeuten, „die Welt in das Sanktuarium zu lassen“, was den heiligen Ort zerstört und die Welt um keinen Deut besser macht. Dazu gehört eine Selbstdisziplin, die ich mir erst heute, nach vielen Retreats, zutraue. Da hat man es in einer weltabgeschiedenen Höhle dann doch leichter.

 

Auf dem dicken runden, erdroten Teppich kann ich meine Dehnübungen machen. Er schützt mich zugleich vor der von unten kommenden Kälte. Räucherstäbchen, Kerze und zwei meditative Bilder an der Wand verschönern den Raum von innen – und der Blick durch das Oberlicht in die derzeit kahlen Bäume und den weiten Himmel lässt mich die Schönheit außerhalb meiner Cella sehen.

Ich suche mir einen bequemen Platz auf meinem Bett, erspüre meine Umgebung mit geschlossenen Augen in ihrer Atmosphäre, die bereits gut imprägniert ist von den vielen Retreats, die hier durchlebt wurden.

 

Tag 2

Gehe durch die vier Stadien des Dhikr

(traditionelle Formel zur Meditation, wörtlich „Erinnerung“)

la illaha illa’llah hu

(koste – trinke)

1. la illaha illa’llah hu
2. illa ’llah hu
3. allah hu
4. hu

La illaha illa’llah hu (Es gibt keinen Gott außer Gott)

Diese traditionelle Sufi-Übung wird in unendlich vielen Varianten geübt. Der Dhikr oder Zikr ist ein Koan, der die Übenden hinter alle Bilder und Begriffe führt. Er wird in der Gruppe oder allein geübt und ist wohl ursprünglich aus dem Herzensgebet der Hesikasten, der christlichen Einsiedler, entstanden. Genau wie dieses wird er häufig mit Körperbewegungen verbunden. Ich übe hier sehr langsam in der Form, wie sie uns durch Hazrat Inayat Khan, den Ordensgründer „meines“ Sufi-Ordens, gegeben wurde.

Mit gedämpfter Stimme spreche ich die uralte Formel leise in mich hinein und werde mir dabei der Schwingung bewusst, die der Klang der Silben in mir auslöst. Das ist hier besonders einfach, weil die oben angeführte Übersetzung eigentlich keinen Sinn ergibt und auch alle anderen Übersetzungsversuche nur mehr oder weniger hilflose Annäherungsversuche an diesen Koan sind. Deshalb ist die Versuchung, eine der Definitionen begreifen zu wollen, nicht sehr groß − und allein der Klang darf seine Wirkung tun.

La illaha (da ist kein Gott) – vom Herz geführt, schwingt der Oberkörper aus der Hüfte heraus von der linken Schulter in einem Bogen zur rechten Schulter. Die Bewegung endet mit leichtem Blick nach oben im Scheitelpunkt. Von dort lasse ich mein Bewusstsein immer höher tragen, bis in den „Ort ohne jede Spur“ (Zitat: Junayd von Bagdad), in dem alle Vorstellungen von dem, was ich oder was Gott sein könnte, verschwinden.

illa (nur oder außer) – das Herz und damit der Oberkörper neigt sich in einer geraden Linie. Das Bewusstsein senkt sich in den Solarplexus oder das Hara. Dieses Nicht-Ich, dieser göttliche, unbegreifliche Funke, senkt sich willentlich in die vergängliche, begrenzte Persona. Und in dieser „Kreuzigung auf das Kreuz der Materie“ (Pir Vilayat), dieser Hingabe des ewigen Kerns an die vergängliche Welt, entsteht in

’llah (ausgeschrieben: allah) die Auferstehung des bewussten Seins.

Hu ist wie Om der schöpferische Urklang, die immanente Gegenwart. ER, wenn es wörtlich übersetzt wird.

Durch die Negierung all meiner Vorstellungen (la illaha) erreiche ich die Transzendenz. Was für eine Lust, sich aus dem ha wieder ins Getümmel des zeitlichen Lebens zu stürzen! Der Bauchraum entspannt sich vollständig im illa. Alles darf sein, nichts muss. Und Allah steigt daraus hervor, schon immer da gewesen, selbstverständlich. Allah wird zum großen Ja zur Existenz. Allah lässt mein Herz in weicher Weite strahlen. Hu: Ich muss es nicht verstehen. Wie wunderbar! Der Dhikr lotet den unendlichen Herzraum aus und umfasst ihn, durchklingt ihn und bestätigt ihn im Echo. Das großartige Spiel, zwei und doch Eins zu sein!

„Wohin ich mich auch wende, dort ist Gottes Angesicht.“ (Qur’an)

Diesen Dhikr spreche ich langsam in seinen verschiedenen Phasen immer und immer wieder. Ich genieße mich in jeden Klang und was er in mir auslöst hinein. Nach etwa einer halben Stunde wird er von alleine schneller, die Phasen werden weniger wichtig, und die Formel übernimmt in ihrem ganz eigenen Rhythmus. Das Denken kommt zum Stillstand. Das Vergehen all dessen, was ich meine zu sein im la illaha, und das Hervortreten der Essenz im ’llah werden zu einem eindrücklichen, sanften Rhythmus, der schließlich von selbst die gesprochenen Worte ablöst. Im Rhythmus des Atems wird das la illaha in reiner Hingabe ausgeatmet, im Einatem steigt das illa’llah auf, und in der immer länger werdenden Atempause hält mich das hu in genüsslichem, einfachem Sein. Dann wird es ganz still − ich lege mich ab und bin einfach nur da, frei von allem Denken, unendlich geborgen im allgegenwärtigen Sein.

Was für ein Unterschied zu meinen ersten Kämpfen mit dieser Formel, die ich erst kaum richtig aussprechen konnte. Was für ein Unterschied zu den maskulinen Dhikr-Ritualen, in denen „das Ego auf dem Fels der Wahrheit zerschmettert“ werden soll, indem man sich womöglich in Trance tanzt und chanted! Und auch ein Unterschied zu den ersten Anleitungen meines Lehrers, diese Formel sehr konzentriert und mit präzisen Körperbewegungen 99 oder gar 1001 Mal zu praktizieren. Auch dadurch wird das Denken ausgeschaltet, auch so kann im Aufgeben des Eigenwillens glückseliges einfaches Sein entstehen. Doch davor wird das Ego niedergekämpft. Besonders, wenn wir uns beim illa Richtung Solarplexus, dem Sitz der Persönlichkeit, hinunterbewegten, wurde das meist machtvoll und mit großer Entschlossenheit gerufen. Oft war mir nach solchen Dhikr-Abenden übel.

 

Tag 20

Finde ein bis drei göttliche Namen für jeden Gedanken
Rezitiere und kontempliere den Gedanken
Die Sufi-Gedanken 6 bis 10 von Hazrat Inayat Khan (HIK)

6. Es gibt nur Eine Familie, eine menschliche Gemeinschaft, die Bruder- und Schwesternschaft, die alle Kinder der Erde ohne Unterschied in der Elternschaft Gottes vereint.

7. Es gibt nur Eine Moral, Die Liebe, die der Entsagung entspringt und in Wohltätigkeit erblüht.

8. Es gibt nur Ein Objekt des Lobpreises, Die Schönheit, welche das Herz ihres Verehrers durch alle Erscheinungen emporhebt, vom Sichtbaren bis zum Unsichtbaren.

9. Es gibt nur Eine Wahrheit, die wahre Kenntnis unseres inneren und äußeren Wesens, welche die Essenz aller Weisheit ist.

10. Es gibt nur Einen Weg, die Auflösung des falschen Selbst im Wirklichen, was den Sterblichen zur Unsterblichkeit erhebt und worin jegliche Vollkommenheit liegt.

Morgenmeditation um sieben Uhr. Eine Stunde müheloses Verweilen im weiten Herzraum, im klaren Kopfraum, im präsenten Bauchraum. Einzelne Gedanken schweben irgendwo an der Peripherie der Wahrnehmung. Ab und zu eine Sehnsucht, dass dieses gefühlte und gedachte Wissen um Gott, der als „ich“ lebt, zu einer Erfahrung wird.

Bis zum Mittag keinerlei Impuls, mich mit den Sufi-Gedanken wirklich auseinanderzusetzen, sie zu kontemplieren. Doch habe ich vor einer weiteren langen Stille auf dem Balkon den nächsten Sufi-Gedanken gelesen, und während ich meine Suppe zubereite und im Bad bin, tauchen einige der unten stehenden „arabischen Begriffe“ auf. Die müssen wohl in der Stille gereift sein ...
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6. Es gibt nur Eine Familie, eine menschliche Gemeinschaft, die Bruder- und Schwesternschaft, die alle Kinder der Erde ohne Unterschied in der Elternschaft Gottes vereint.

Al Hafiz (Der allumfassend liebevoll Schützende)

Ohne großes Denken taucht zuerst al Hafiz auf. Dann kommen weitere Gedanken, die mich zu al Jami’ (der Vereinende) – al Walîy (Der Freund) – und ar Rabb (der fürsorgliche Herr) führen. Die große Gemeinschaft der Freunde oder Brüder und Schwestern, die sich in der fürsorglichen Herrschaft des Einen Gottes vereinen. Doch letztendlich fühle ich, dass all dies in al Hafiz enthalten ist. Das Allumfassende, Weise, das sich der ewigen Bedeutung erinnert und uns damit verbindet, das Schützende, Stärkende und, wenn es in den menschlichen Beziehungen angewandt wird, auch das freundschaftlich Wertschätzende, weil es die zugrunde liegende Ordnung bewahrt. Ya Hafiz öffnet einen weiten Schutzraum in meinem Herzen, in dem wahrhaftig Raum für eine ganze Menschheit ist, die geliebt und geschützt ist.

7. Es gibt nur Eine Moral, Die Liebe, die der Entsagung entspringt und in Wohltätigkeit erblüht.

Al Karim (Der Noble, Wohltätige)

Die Entsagung ist wohl die Entsagung des eigenen Vorteils oder der Gier, denn eine Liebe, die nicht in Selbstliebe gegründet ist, ist keine Liebe, die in Wohltätigkeit erblühen könnte. Wenn wir uns von Gott geliebt und versorgt wissen, gibt es nichts, was wir nicht aus freiem Herzen gerne geben könnten. Al Karim, der aus überfließender Liebe gibt, weil er alles hat. Und dieses Überfließen löst die Meditation dieses Namens auch in mir aus.
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Tag 26

Sprich: Allah, ya Allah, ya Allah, ya Allah, ya Allah

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Auch danach ist nicht an Schlaf zu denken, also setze ich mich zur Meditation hin. Nein, die neue Tagesaufgabe will noch nicht angegangen werden, aber eine Sehnsucht nach Vertiefung von al Haqq steigt auf. Also werde ich so still wie möglich, denn wenn ich gestern irgendetwas gelernt habe, so ist es, dass sich die wahre Bedeutung von al Haqq nur ansatzweise in größtmöglicher Stille ahnen lässt. Ein paar Anrufungen, und der Rest ist Atempräsenz, damit mein Mind nicht ständig irgendwelche Erwartungen formuliert oder Vorschläge macht. Allmählich gelingt es mir, wirklich vollständig in den Augenblick zu entspannen. Und meine Bitte wird erhört. Für ganz kurze Zeit darf ich jene Stille erfahren, die sich nicht einmal mehr als „Sein“ anfühlt und frei von jeglicher Form ist. Kurz davor fühlt es sich an, als würde ich ohnmächtig, dann nichts mehr, dann ein unbeschreibliches Gefühl der Freiheit, und gleichzeitig eine stetig wachsende Sehnsucht dorthin. Was dieses Erleben von dem darauffolgenden Schlaf unterscheidet, ist nur das Gefühl, das sich danach einstellt. Nach dem Schlaf bin ich erholt, aber fühle mich nicht unbedingt frei.

Ich wache spät auf, so dass zunächst die körperliche Morgenroutine ansteht, zu der heute auch ein warmes Bad gehört. In der warmen Wanne beginne ich meine Übung zu praktizieren. Später wiederhole ich das auch noch mal in meiner Retreathütte, dazwischen lege ich einfach Allah auf den Atem.

Der heutige Dhikr wird immer sofort zu einer Art fünfzackigem Stern. Das Allah ist im Zentrum des Zentrums dessen, was ich „ich“ nenne. Die vier ya Allah-Anrufungen gehen stets in irgendwelche antagonistischen Richtungen. Vorne − hinten, rechts − links, oben − unten, innen − außen oder links − unten, rechts − oben. In der Wanne wird das zu einem Bad im ewigen Meer des Seins, allerdings ein Meer aus Myriaden von Existenzen.

In der Retreathütte beginnt sich der Dhikr zu verselbständigen, wird immer schneller, verliert jeglichen Rhythmus und hinterlässt mich lachend und frei fliegend, als wäre ich irgendwo hinauskatapultiert worden. Jedenfalls ist da nur giggelnde Heiterkeit in mir, und dann kommt auch noch die Sonne heraus. Ihr Strahlen ist allerdings vergleichsweise ernsthaft und bedächtig. Meine Empfindungen erinnern mich an Hafiz-Gedichte, ein verschmitzter Vagabund voller bedingungsloser Liebe und einem ständigen Schmunzeln im Gesicht. Ich kann nichts mehr ernst nehmen.

Das Hu vor zwei Tagen hatte mich in eine rhythmische Harmonie gebracht und wurde schließlich eine permanent hörbare Schwingung in allem. Das Haqq gestern konnte nur sehr dosiert und sporadisch angerufen werden, und das Beste war, es gar nicht anzurufen, sondern sich ihm einfach entgegenzuschweigen. Und heute übernimmt Allah, ya Allah jeden Rhythmus und führt ihn in ein jauchzendes Karussell mit Schleudertendenzen.

Was soll ich nun daraus lernen? Jedenfalls höre ich so auf zu glauben, dass ich irgendetwas wüsste, und schon gar nicht, was oder wo Allah sein könnte. Innen, außen, hier oder jenseits? Überall oder nirgendwo? Auf alle Fälle hat das, was ich da anrufe, jede Menge Spaß! Den Verdacht habe ich allerdings schon eine ganze Weile. Zumindest, was „meinen“ Gott angeht, halte ich Ihn doch für einen ziemlichen Komiker, der gern Schabernack treibt, Verstecken spielt und immer für eine Überraschung gut ist.

Ein müheloser Sonnentag mit kaltem Wind nimmt seinen Lauf. Mein Dhikr ändert immer mal wieder die Richtung. Am Nachmittag macht er mich wie folgt: Ausatmen: ya Allah, ya Allah − Einatmen: ya Allah, ya Allah − Atempause: Allah. Ob ich die Augen geschlossen habe oder offen, dieser innere Klang ist immer da. Irgendwann taucht das Gesicht eines lieben Sufi-Freundes auf, und eine seiner Lehren kommt mir ins Gedächtnis: All unsere Übungen können Allah nicht zwingen, Ihm näherzukommen, viel besser ist es, uns zu entspannen. Das mache ich dann auch und fließe sehr bewusst und still durch diesen kühlen, sonnigen Frühlingstag, an dem mich Allah mit unendlich vielen Gesichtern, Gerüchen und Klängen umgibt und sich in mir friedlich und froh beschenkt fühlt. Was ich sonst als Störung wahrnehmen würde, ist einfach nur eine Tatsache, der ich mich aussetzen oder es lassen kann. Dafür kann ich mich lange an der Schönheit der Farbenpracht einer Blutorangenspalte erfreuen, bevor ich sie mit gleicher Freude in den Mund stecke und ihre säuerliche Süße schmecke. Voller Dankbarkeit. Genauso selbstverständlich sehe ich einige Pflanzen, die sich zwischen den Narzissen und Hyazinthen an der Treppe meiner Retreathütte breitmachen, und ziehe sie heraus, um den Blühpflanzen mehr Raum zu geben. Auch dabei gibt es keine Frage, ob ich das jetzt bestimmen darf, wer da weiterwachsen darf und wer nicht. Es ist einfach jetzt richtig.

Ich mag keine Lobeshymnen hören und keine Fragen stellen, ich will einfach nur staunen, manchmal lachen, manchmal lächeln. Geborgen in der Gegenwart.

 

Tag 40

Palmsonntag

Allah hu

Um vier Uhr morgens wache ich mit dem klaren Impuls zur Meditation auf. Da es wieder ziemlich kalt geworden ist in dieser Vollmondnacht, setze ich mich vor die warme Heizung, entzünde eine Kerze und das letzte Räucherstäbchen und lasse mich dann, wie gewohnt, in die Stille fallen. Eine zärtliche Liebe umfängt und durchdringt mich, und vielleicht begreife ich zum ersten Mal, was es heißt, „Gott zu lieben”. Wir lieben die Liebe selbst oder antworten auf den Liebesimpuls aus unserem ewigen Pol.

Mit all Seinen Attributen war dieser Gott bislang eher etwas Unverständliches, Bewundernswertes, zu Fürchtendes, Hilfreiches, Übermächtiges, Erstrebenswertes ... aber lieben? Das wäre mir bei all der unbegreiflichen Vollkommenheit und widersprüchlichen Allmacht nicht in den Sinn gekommen. Doch sagen alle Mystiker, dass wir Gott nicht begreifen können, sondern die Gottesnähe oder gar die Gottesvereinigung nur im beständigen Lieben geschehen kann. Der Umweg über die Liebe zu den Geschöpfen ist natürlich wichtig, doch der Sprung von den Geschöpfen zu der Wirklichkeit, die diese Geschöpfe hervorbringt, war mir bislang noch nie wirklich gelungen. Davor waren viel zu viele Konzepte. In den letzten Tagen durfte ich nun eindrücklich erfahren, dass die radikale Auflösung dieser Konzepte tatsächlich dazu führt, dass das, was in mir liebt, dieser Ewige Pol, auch dieses Geschöpf ist, das ich „ich” zu nennen pflege.

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Die ewige Heimat zieht mit Macht in die Stille. Viel später irgendwann finde ich mich erstaunt in der Küche wieder, um meinen Tee aufzugießen. Nur von hier aus kann ich rückwärts nachvollziehen, wie ich hierhergekommen bin. Die Bewegungen und Entscheidungen im Äußeren kommen irgendwo vom Rand meines Bewusstseins und sind doch präzise und „bedacht“.

Auf meinem Weg in die Retreathütte überkommt mich der Abschiedsschmerz auf einmal mächtig und ist auch jetzt noch da − mitten in all der inneren und äußeren Schönheit und Liebe. Und während ich schreibe, singe ich mir selbst durch die Kopfhörer inmitten eines wunderschönen Chors „meiner“ Dhikr-Gruppe Allah hu in die Ohren. Der Gedanke, sie demnächst wiederzusehen, freut mich genauso, wie ich tatsächlich ein wenig Ängstlichkeit spüre. Doch ich weiß aus wochenlanger Erfahrung, dass nur der Augenblick zählt, und all diese Gedanken und Gefühle entstehen, weil ich „meine“, irgendetwas tun zu müssen. Schusch!

Allah hu! Die Essenz ist allgegenwärtig. Ein spätes Mittagessen, ein paar Dehnübungen und ein seliges Schwelgen in der wunderschönen Natur dieses Frühlingstages lassen mich Allah hu in all den göttlichen Gesichtern erkennen, die Er mir zuwendet.

Langsam beginne ich zu begreifen, dass ich genauso langsam und fließend dieses Retreat verlassen werde, wie ich in es hineingeflossen bin. Bin ich denn nicht schon lange auch mit den Füßen auf dem Boden? Sollte mich diese innere Sicherheit des Einen Seins etwa nicht tragen können, wenn die erstaunliche − aus meiner momentanen Perspektive schlafende − Welt anklopft? Ich öffne mein Herz für die Übung, die ich meinen Retreatants immer zum Schluss empfehle: Einfach auftauchen lassen, was auftauchen will, wenn du den Zeit-Raum dieses Retreats betrachtest

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Die beiden, die mich am sichtbarsten und fühlbarsten getragen haben, sind natürlich mein wunderbarer Guide Himayat, in dessen ständig spürbarer Gegenwart ich weise geführt und gehalten bin. Und mein lieber Lebensgefährte und Ehemann, Malik, der mich freundlich und sanft umsorgt hat, mir den Raum nicht nur innerlich, sondern ganz äußerlich bereitet und erhalten hat. Jenen Raum, in dem sich auch mein Körper wohlfühlen durfte und darf.

Es gibt keinen Weg ins Glück, Glück ist der Weg! 

Und diesen Weg gehe ich am nächsten Morgen ganz langsam und bedacht wieder mit dem Blick in die äußere Welt − doch der Blick kommt aus dem Inneren. Bedacht und lustvoll sind alle Handgriffe, mit denen ich meine Sachen aus dem Retreatwagen räume und ins Haus trage, meine Bettwäsche abziehe, den Staubsauger hole und den Raum säubere, schließlich die Tür wieder verschließe und mich mit letzten Dingen ein letztes Mal auf den kurzen Weg in mein irdisches zu Hause mache. Als ich die kleine Treppe vom Wagen hinuntersteige, kommt da doch diese schwarze Katze um die Ecke und streicht mir wohlwollend und sehr vertraulich um die Beine. Eine stille, sanfte und völlig unerwartete Begrüßung „zurück im Leben“, zurück auf „dieser Erde“.

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Epilog

Heute, etwa ein Jahr später, ist doch tatsächlich durch eine kleine Seitenbemerkung meines Retreatguides aus meinem Retreat-Tagebuch ein Buch geworden, das der Welt ein wenig von meinem höchst ungewöhnlichen und sehr hingebungsvollen Retreat erzählen will.

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Nachdem ich einige Wochen später von großer Melancholie und Weltschmerz heimgesucht wurde, kam mir der Verdacht, dass „ich“ in diesem Retreat ja mehrfach „gestorben“ war und nun ganz buchstäblich die Phasen einer Neugeburt durchlebte. Ungelöste Muster und Gefühlszustände, denen ich als Kleinkind und auch Pubertierende hilflos ausgeliefert war, kamen jetzt mit Macht an die Oberfläche, um voll bewusst integriert zu werden. Dazu musste ich sie offensichtlich noch einmal ganz real durchleben, denn „Tricks“ wie Beten, Atem- und Meditationstechniken oder auch Verdrängen oder Ausleben sind da höchstens wie Pflaster, die das Ganze wieder in die hilflose Unbewusstheit verdrängen würden.

In liebevollem, urteilsfreiem Wahrnehmen durfte ich bislang schon die Wut, die Melancholie und später auch diese kindliche, abgrundtiefe Angst vor dem äußeren Leben neu durchleben − und integrieren. Was für ein Lebensgefühl, sich auch in der ganz äußeren Welt geborgen und sicher fühlen zu können, sogar mitten in einer fremden Großstadt! Mein Kopf wusste das aus über 60-jähriger Lebenserfahrung schon lange. Doch erst nach dreiwöchigen Panikattacken wegen einer einfachen Zugreise gluckerte silberhell, wie ein Bläschen in einer Sprudelflasche, die Gewissheit in mir auf, dass ich nicht nur selbst immer wachsamer auf meine innere Führung hören kann, um mich vor Gefahren und Unbill zu schützen, sondern dass auch die „verrückte Welt“ da draußen ein sicherer Ort für mich sein kann, der in Gottes Lenkung steht und an dem ich Abenteuer und jede Menge herzberührender Menschlichkeit erleben darf.

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Müssen wir manchmal fortgehen, nur um bei unserer Rückkehr zu erfahren, wie sehr wir geliebt werden? Das Gleichnis vom verlorenen Sohn in der Bibel fällt mir ein. Und spielen wir nicht schon als Kleinkinder mit Wonnegrauen dieses Spiel: Guckuck − Daaa? Je öfter das vertraute Gesicht hinter den verdeckenden Händen wieder auftaucht, desto vergnüglicher wird es, immer wieder auszuprobieren, welche Spannung darin liegt, wenn es (scheinbar) nicht mehr da ist.

In den letzten Wochen tauchten nun die Themen Wunsch, Wille, Macht auf. Auch hier scheint sowohl in der Art, wie ich sie von außen erlebe, als auch, wie ich mich ihrer von innen her bediene, ein neues Kapitel aufgeschlagen zu werden, doch es ist noch zu frisch, um darüber etwas sagen zu können. Die Richtung geht auch hier hin zu einer größeren Leichtigkeit und wachsendem Mut, geboren aus sich immer weiter vertiefendem Vertrauen. Und ich könnte nicht sagen, ob dies das Vertrauen in Gott, in die Welt oder in mich selbst ist. Es fühlt sich an wie dieses frühkindliche Vertrauen, das nichts hinterfragt und auch noch keine Trennungen macht, wem oder was es vertrauen kann. Bemerkenswerterweise geht dies mit einer wesentlich größeren Bereitschaft einher, „nein“ sagen zu können.

Ganz äußerlich geht offensichtlich eine größere Souveränität von mir aus, denn ich wurde im letzten Jahr gleich zu mehreren neuen Projekten eingeladen. Dies in Bereichen, in denen ich mein Können und Sein in neuem Umfeld und mit neuen Perspektiven einsetzen darf. Mein Tagebuch zu einem Buch für alle sichtbar zu machen, ist nur eines davon.