... ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden ...

Rainer Maria RilkeDie Blätter fallen,  fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen.   Diese Hand da fällt.  
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.

verfasst am 11.09.1901 von Rainer Maria Rilke (1875-1926)
am 07.11.1901 schreibt er an Axel Juncker:  „Diese Sammlung, die ich unter dem Namen "Das Buch der Bilder" zusammenfasse, ist das Kostbarste was ich aus diesen Jahren habe.“

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Die Frucht

Es gab einmal drei Männer, die alle Früchte haben wollten, obwohl keiner von ihnen je welche gesehen hatte, denn sie waren selten, in ihrem Land.

So geschah es, dass sie alle drei loszogen, um nach diesem fast unbekannten Ding zu suchen, das man Frucht nannte. Und auch geschah es, dass jeder etwa zur gleichen Zeit seinen Weg zu einem Obstbaum fand.

Der erste Mann war ein achtloser Mann. Er kam zu dem Baum, aber er hatte soviel Zeit damit zugebracht, über die Richtungen nachzusinnen, dass er die Früchte nicht erkannte. Seine Reise war verloren.

Der zweite Mann war ein Dummkopf. Er nahm die Dinge wörtlich. Als er sah, dass alle Früchte auf dem Baum, überreif waren, sagte er: „Ok, ich habe also Früchte gesehen, aber ich mag keine vergammelten Sachen. Soweit es mich betrifft, ist die Sache mit den Früchten beendet.“ Er ging seiner Wege, und seine Reise war umsonst.

Der dritte Mann war weise. Er las einige Früchte auf und untersuchte sie. Nach manchen Gedanken und Gehirnqualen, um alle Möglichkeiten dieser ungenießbaren Delikatesse zu bedenken, fand er heraus, dass in jeder Frucht ein Stein war. Als er erkannte, dass dieser Stein ein Same war, musste er nur noch diesen Samen pflanzen, sein Wachstum bewachen und warten – auf Frucht.