... ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden ...

Rainer Maria Rilke um 1900

... und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, ... Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben.
... es handelt sich darum, alles zu leben.

Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.   ...

Darum ... lieben Sie Ihre Einsamkeit, und tragen Sie den Schmerz, den sie Ihnen verursacht, mit schön klingender Klage.

Denn die Ihnen nahe sind, sind fern, sagen Sie, und das zeigt, daß es anfängt, weit um Sie zu werden. Und wenn Ihre Nähe fern ist, dann ist Ihre Weite schon unter den Sternen und sehr groß;

freuen Sie sich Ihres Wachstums, in das Sie ja niemanden mitnehmen können, und seien Sie gut gegen die, welche zurückbleiben, und seien Sie sicher und ruhig vor ihnen und quälen Sie sie nicht mit Ihren Zweifeln und erschrecken Sie sie nicht mit Ihrer Zuversicht oder Freude, die sie nicht begreifen könnten.

(Rainer Maria Rilke 1875 – 1926
aus einem Brief an Franz Xaver Kappus)

 
 

 

 

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Der Mönch und der Samurai

Ein großer, starker Samurai besuchte einmal einen kleinen Mönch. "Mönch", sagte er mit einer Stimme, die sofortigen Gehorsam gewöhnt war, "lehre mich über Himmel und Hölle!"

Der Mönch schaute zu dem mächtigen Krieger empor und antwortete mit energischem Missfallen: Dich über Himmel und Hölle belehren? Ich könnte Dir nichts beibringen. Du bist schmutzig, du stinkst. Deine Klinge ist rostig. Du bist eine Schande und Beleidigung der Samurai. Geh mir aus den Augen. Ich kann Dich nicht ausstehen. Der Samurai war rasend. Er zitterte, wurde rot im Gesicht und sprachlos vor Wut. Er zog sein Schwert und erhob es über sich, um den Mönch zu erschlagen.

Das ist die Hölle, sagte der Mönch sanft.

Der Samurai war überwältigt. Das Mitgefühl und die Hingabe dieses kleinen Mannes, der bereit war, ihm sein Leben zu opfern, um ihm diese Lehre zu erteilen – um ihm die Hölle zu zeigen! Langsam senkte er sein Schwert, von Dankbarkeit erfüllt und plötzlich ganz friedlich.

Und das ist der Himmel, sagte der Mönch sanft.

Aus dem Englischen:

The Monk and the Samurai

 A big tough samurai once went to see a little monk. 'Monk', he said, in a voice accustomed to me instant obedience, 'teach me about heaven and hell!'

The monk, looked up at his mighty warrior and replied with active disdain: „Teach you about heaven and hell?“ I couldn't teach you about anything. You are dirty. You smell. Your blade is rusty. You are a disgrace, and an embarrassment to the Samurai class. Get out of my sight. I cannot stand you. The samurai was furious. He shook, got all red in the face, was speechless with rage. He pulled out his sword and raised it above him, preparing to slay the monk.

That is hell, said the monk, softly.

The samurai was overwhelmed. The compassion and surrender of this little man who offered him his life to give this teaching. To show him hell! He slowly put down his sword, filled with gratitude, and suddenly peaceful.

And that is heaven, said the monk, softly.