... ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden ...

Hermann Hesse

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne, um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in and're, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen, der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten!
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen!  Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegen senden: des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse (1877 - 1962)

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Singen –

Singen, das ist es: sonst nichts.

Ich singe den Aufflug des Jubels,

Singe den Glanz durch die Mauern der Dinge,

Singe den Tränensturz,

Singe die Wangen der Freude hinab,

Singe den Leib meines Lebens.

Aus meinem Singen hebt sich

Der Herzschlag der Welt.

Ich singe die Worte der Schöpfung.

Mein Singen ist Flut, ist das Steigen der Dinge –

Sie steigen aus nichts,

Mein Singen ist Sinken – sie fallen zurück,

Ins Sterben, das alles nimmt.

Mein Singen ist Tanzen, ist Shivas, ist Buddhas Tanz.

Ich singe die Worte der Schöpfung,

Ich singe das Schweigen,

Ich singe die Glut.

Singen – sonst ist nichts.

 

(1993) Aus dem online-Buch von Dietrich Roloff
mit dem Titel: "Buddha ekstatisch, 111 Zen Gedichte"

   
   
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